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Remains to Be Seen

Status

Jahr

Rahmen

Typ

Meine Rolle

Ongoing
2026
Master-Abschlussprojekt
Einzelarbeit
Konzeption, Layout, Text, Grafik, UI/UX

Mein Masterprojekt habe ich sowohl auf deutsch als auch auf englisch verfasst.
hintergrund

Dieses Projekt widmet sich der Frage, wie Naturschutz durch die Integration von Daten aus toten organischen Überresten (Death Assemblages) effektiver gestaltet werden kann. Ein etablierter Ansatz besteht beispielsweise darin, Eulengewölle zu analysieren, um Informationen über die lokale Artenzusammensetzung von Kleinsäugerarten zu gewinnen, darüber zu erfahren, welche Kleinsäugerarten von Eulen erbeutet werden, und um Hinweise auf potenziell bedrohte Arten zu erhalten, die für Schutzmaßnahmen relevant sind.

 

Besonders vielversprechend, aber bisher kaum genutzt, sind Death Assemblages von marinen Schalenweichtieren, also Ansammlungen von Muschel- und Schneckenschalen. Ein Fokus meiner Arbeit sind Austernriffe denn diese können biologische und umweltrelevante Informationen über Jahrhunderte hinweg archivieren. Einzelne Austern benötigen feste Untergründe, um sich daran anzuheften, wie etwa Schalen anderer Austern oder Steine. So siedeln sie sich oft übereinander an. Im Laufe der Zeit entstehen so große, widerstandsfähige Riffe, die aus einer Schicht lebender Austern auf einem Riffkern aus toten, teils jahrhundertealten Austernschalen bestehen.

Austernriffe fungieren als biologische Indikatoren für die Gesundheit ihres Ökosystems. Sie schaffen Lebensräume für zahlreiche Arten und reinigen das Wasser aktiv, indem sie Schwebeteilchen filtern – dabei nehmen sie auch Schadstoffe wie Mikroplastik und Schwermetalle auf.


Ihre Riffstruktur archiviert über Jahrhunderte hinweg wertvolle Daten: von der Artenzusammensetzung und Biodiversität bis hin zu Schadstoffbelastungen und Nahrungsnetzen. Diese historischen Daten lassen sich mit modernen Beobachtungen vergleichen.


Genau hier liegt der Schlüssel für den Naturschutz: Durch den Abgleich dieser historischen Daten mit aktuellen Daten lässt sich erkennen, ob sich ein Ökosystem im Laufe der Zeit verändert hat und ob diese Veränderungen natürlichen oder menschlichen Ursprungs sind. Oft fehlen im Naturschutz nämlich langfristige Vergleichswerte. Standardisierte Monitoringprogramme, Satelliten oder historische Karten erfassen meist nur kurze Zeiträume oder bereits stark beeinflusste Gebiete. Ohne historische Referenzpunkte ist es jedoch schwierig, natürliche Schwankungen von menschlichen Einflüssen zu unterscheiden – und damit zu bestimmen, wo und wann Schutzmaßnahmen wirklich nötig sind.

Da ich sowohl in der Biologie und Ökologie als auch in den Geowissenschaften fachfremd bin, habe ich zunächst eine gründliche Literaturrecherche durchgeführt. Anschließend habe ich Experteninterviews mit Forschenden geführt, die in der Conservation Paleobiology aktiv sind, sowie mit Biolog*innen aus dem angewandten Naturschutz. Diese Interviews habe ich mittels Affinity Mapping geclustert und ausgewertet.
Nach Affinity Mapping habe ich Personas erstellt, um ein präzisere Vorstellung von den Zielgruppen zu bekommen. Ich arbeite in diesem Stadium eines Projekts gerne zunächst analog mit Sticky Notes. Das physische Ausbreiten und Umordnen einzelner Informationsbausteine macht den Prozess der Synthese von Erkenntnissen für mich greifbarer. Dadurch kann ich Zusammenhänge zwischen Informationsclustern leichter erkennen.
problem
Die Integration toter organischer Überreste (Death Assemblages) in den Naturschutz wird bisher kaum angewandt. Die Disziplin Conservation Paleobiology forscht allerdings seit über zwanzig Jahren genau an dieser Schnittstelle. Heute liegen bereits zahlreiche Studien und Daten vor, die belegen, dass dieser paläontologische Ansatz enorm vielversprechend ist.


Die Ursachen für diese Lücke zwischen Forschung und Umsetzung sind natürlich sehr komplex und differenziert. Jedoch habe ich einen Hauptgrund identifiziert, der für dieses Projekt zentral ist: Unwissen. Der Naturschutz weiß schlichtweg nicht, dass diese Ressource (Death Assemblages) existiert und wie hilfreich sie sein kann.
Die ersten analogen Prototypen der Faltinfografik. Anfangs habe ich mich intensiv damit auseinandergesetzt, welche Informationsbausteine notwendig sind und wie ich sie am besten anordne.
Sticky Notes und Scribbles ermöglichen es mir, Informationen schnell anzuordnen. Im Gegensatz zu rein digitalem Prototyping entwickle ich beim analogen Arbeiten ein tieferes Gespür für die inhaltliche Materie.
Verschiedene Prototypen der Faltinfografik.
Nachdem ich alle Informationsbausteine ausgelegt hatte, ging es darum herauszufinden, wie sich Bild- und Textelemente am besten anordnen lassen.
projekt

Meine Aufgabe bestand also darin, Naturschützern, bzw. Forschenden im Naturschutz, die meist über fundiertes ökologisches und biologisches Wissen verfügen, paläontologische Grundlagen näherzubringen. Gleichzeitig unterstütze ich Paläontologen dabei, ihr Wissen an dieser Schnittstelle effektiv zu vermitteln.

 

Für diesen Austausch waren drei Komponenten entscheidend:

 

  • Transparenz bei Unsicherheiten: Eine klare Kommunikation darüber, was möglich ist und wo Grenzen liegen, ist essenziell, um Zweifel gezielt zu adressieren und aufzulösen; dies ist besonders wichtig angesichts der heuristischen Natur der Paläontologie.
  • Zugängliche Sprache: Zwar richtet sich das Projekt an ein Fachpublikum, jedoch hat dieses einen engen zeitlichen Fokus auf das Hier und Jetzt bzw. die jüngste Vergangenheit. Ziel ist es daher, deren Perspektiven durch eine weitreichendere vergangene Dimension zu erweitern, ohne durch fachfremde paläontologische Konzepte für Verwirrung, Misstrauen oder Überforderung zu sorgen.
  • Praktischer Bezug: Der direkte Nutzen der Integration von Daten aus Death Assemblages in den Naturschutz muss sichtbar werden, idealerweise durch konkrete Fallstudien. Diese sollten zudem verdeutlichen, wie eine Wissens-Koproduktion (Knowledge Co-Production) zwischen Naturschutz und Paläontologie in der Praxis tatsächlich gestaltet werden kann.

 

Eine Lücke zwischen Forschung und Umsetzung gibt es in fast jeder wissenschaftlichen Disziplin. Zwar ist es schwierig und aufwendig, diese zu schließen, doch der erste Schritt ist essenziell: Die notwendigen Informationen in Umlauf zu bringen, um einen echten Dialog zwischen Naturschutz und Paläontologie zu ermöglichen.

Die Vorderseite der Faltinfografik im geschlossenen Format, auf Deutsch und Englisch.
Magazinartiger Einstieg auf der Vorderseite zum Durchblättern.
Magazinartiger Einstieg auf der Vorderseite zum Durchblättern.
Magazinartiger Einstieg auf der Rückseite zum Durchblättern.
ergebnis

Das finale Projekt verdeutlicht anhand einer gedruckten Faltinfografik und einer Website, wie tote organische Überreste (Death Assemblages) und paläontologische Perspektiven im Naturschutz angewendet werden können, und zeigt zugleich, welche grundlegenden Konzepte (Time-Averaging und der taphonomische Filter) dafür zunächst verstanden werden müssen.

Time-Averaging betrifft alle Death Assemblages. Überreste aus verschiedenen Zeiträumen vermischen sich dabei, sodass Organismen, die nie gleichzeitig lebten, den Anschein erwecken, zur selben Zeit existiert zu haben. Zwei nebeneinander liegende Muscheln am Strand könnten beispielsweise Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende zeitlich auseinanderliegen.

Taphonomie ist die Lehre davon, was mit Organismen nach ihrem Tod geschieht. Death Assemblages liefern time-averaged Daten, die durch den taphonomischen Filter zusätzlich verzerrt sein können. Zu diesen Verzerrungen zählen unter anderem der Lifespan Bias (Unterschiede in der Lebensdauer der Arten innerhalb einer Death Assemblage), das unterschiedliche Konservierungspotenzial verschiedener Gewebe (z. B. harte Schalen versus weiche Gewebe) sowie der Transport von Überresten aus ihrer ursprünglichen Ablagerungsumgebung.

Die gedruckte Faltinfografik dient als visuelles Werkzeug, um die einzelnen Teilbereiche (Death Assemblages, Time-Averaging, taphonomischer Filter) zu thematisieren. Besonders zur Geltung kommt der landkartenartige Charakter der Grafik: Er verdeutlicht, wie die Bereiche ineinandergreifen und sich gegenseitig beeinflussen. Der Leser kann sich im eigenen Tempo bewegen und beliebig detailliert einsteigen. Sobald die Grafik vollständig entfaltet ist, ist der gesamte Themenkomplex auf einen Blick ersichtlich.


Die Vorderseite erklärt die theoretischen Fundamente, während die Rückseite konkrete Anwendungsbeispiele und Potenziale mittels Case Studies aufzeigt. Die Infografik biete einen ‚magazinhaften‘ Einstieg: eine kompakte Übersicht mit allen wichtigen Informationen – ein ‚TL;DR‘, sozusagen. Wer tiefer eintauchen möchte, entfaltet die Grafik und gewinnt Zugang zu den Details. Dieses Prinzip der schrittweisen Vertiefung gilt durch die Wendbarkeit auch für die Rückseite.

Vorderseite der Faltinfografik im geschlossenen (vorne) und geöffneten (hinten) Format.
Rückseite der Faltinfografik im geschlossenen (vorne) und geöffneten (hinten) Format.
ergebnis

Aktuell befindet sich die Website noch im Aufbau, ist jedoch ein wesentlicher Bestandteil dieser Arbeit. Sie stellt die einfachste Form der Wissensvermittlung dar und ermöglicht einen globalen, barrierefreien Zugriff sowie eine leichte Teilbarkeit der Inhalte für jeden Interessierten weltweit.

Auch beim Wireframing der Website bin ich anfangs analog vorgegangen.
Auch beim Wireframing der Website bin ich anfangs analog vorgegangen.
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